Neues zum Schuldzinsenabzug bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung

1. Hintergrund

Die Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung weisen eine besonders große Nähe zur privaten Lebensführung auf. Die Trennlinie zwischen der steuerlich relevanten Erzielung von Einkünften und der steuerlich irrelevanten Liebhaberei ist im Einzelfall nur schwer zu ziehen. Immer wieder kommt es daher zu Rechtsstreitigkeiten zwischen der Finanzverwaltung und dem Steuerpflichtigen.

Besonders umstritten ist häufig die Frage nach der steuerlichen Abzugsfähigkeit von Schuldzinsen. In diesem Bereich hat sich eine umfangreiche einzelfallbezogene Rechtsprechung entwickelt, die nur noch schwer zu überblicken ist. Die obersten Finanzbehörden des Bundes und der Länder haben nunmehr einige BFH-Urteile aus dem Jahr 2014 zum Anlass genommen, um in einem neuen Erlass vom 27.07.2015 (Az.: IV C 1-S 2211/11/10001) verschiedene Fallgruppen zu regeln.

2. Schuldzinsen für fremdfinanzierte Mietobjekte nach ihrer Veräußerung

Der BFH hat einen Fall entscheiden müssen, bei dem es um die Frage der Abzugsfähigkeit von Schuldzinsen bei einem fremdfinanzierten Mietobjekt gegangen ist, dessen (steuerfreie) Veräußerung mehr als 10 Jahre nach der Anschaffung nicht von § 23 EStG erfasst wurde. Das Urteil des BFH vom 08.04.2014 IX R 45/13 (zur Veröffentlichung im Bundessteuerblatt II 2015 vorgesehen) stellt fest, dass es für einen möglichen Werbungskostenabzug nach dem Verkauf des Objekts entscheidend darauf ankomme, wie der Veräußerungserlös verwendet wird. Komme es zur Anschaffung eines neuen Mietobjekts, bestehe weiterhin ein Veranlassungszusammenhang zwischen Schuldzinsen und Einkünften gem. § 21 EStG, so dass auch Werbungskostenabzug möglich bleibe. Würde hingegen kein neues Mietobjekt erworben, komme es darauf an, ob der Veräußerungserlös zur Schuldentilgung verwendet oder anderen Zwecken zugeführt werde. Nur bei einer vorrangigen Schuldentilgung ist aus Sicht des BFH ein weiterer Werbungskostenabzug zulässig. Wird der Veräußerungserlös nicht zur Schuldentilgung verwendet, wird dadurch die in der Vergangenheit bestehende Einkunftserzielungsabsicht überlagert, so dass der Werbungskostenabzug für die Zukunft entfällt. Der neue Erlass der Finanzverwaltung schließt sich dieser Auslegung an.

3. Schuldzinsen für fremdfinanzierte Mietobjekte nach Wegfall der Einkünfteerzielungsabsicht

Mit dieser Frage hat sich das BFH-Urteil vom 21.01.2014 IX R 34/12 (zur Veröffentlichung im Bundessteuerblatt II 2015 vorgesehen) auseinandergesetzt. Hier kommt der BFH zu dem Ergebnis, dass für Schuldzinsen, die in der Zeit nach Aufgabe der Einkünfteerzielungsabsicht vor einer Veräußerung des Mietobjekts gezahlt werden, kein weiterer Werbungskostenabzug bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung zulässig sei. Aus der Sicht des BFH stehen diese Schuldzinsen nicht mehr mit den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung in wirtschaftlichem Zusammenhang. Sie sind vielmehr Gegenleistung für eine Kapitalüberlassung, die im privaten Bereich stattfindet und daher steuerlich unbeachtlich ist. Auch dieses Urteil will die Finanzverwaltung allgemein anwenden.

4. Vorfälligkeitsentschädigungen für die Ablösung einer Fremdfinanzierung

Unter Abkehr von seiner früheren Rechtsprechung hat der BFH in seinem neuen Urteil vom 11.02.2014 IX R 42/13 (zur Veröffentlichung im Bundessteuerblatt II 2015 vorgesehen) entschieden, dass ein Steuerpflichtiger die für die vorzeitige Ablösung seiner Darlehensschuld zwecks lastenfreier Veräußerung eines Mitobjekts zu leistende Vorfälligkeitsentschädigung nicht als Werbungskosten bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung abziehen darf. Seine eigene anders lautende ältere Rechtsprechung (insbesondere das BFH-Urteil vom 23.04.1996 IX R 5/94, Bundessteuerblatt II 1996, Seite 595) erklärt der BFH nunmehr für überholt. Auch die Finanzbehörden schließen sich der geänderten Rechtsprechung des BFH an.

Die neue Sichtweise wird damit begründet, dass das auslösende Moment für die Vorfälligkeitsentschädigung nicht die Erzielung laufender Einkünfte aus dem Mietobjekt, sondern dessen Veräußerung ist. Diese Veräußerung ist aber in der Regel steuerfrei, wenn sie außerhalb der zeitlichen Grenzen des § 23 EStG erfolgt. Kommt es ausnahmsweise doch zu einer Besteuerung gem. § 23 EStG, wird eine Vorfälligkeitsentschädigung als Teil der Veräußerungskosten bei der Einkünfteermittlung berücksichtigt.

Neben der geänderten steuerlichen Behandlung der Vorfälligkeitsentschädigungen dürfen Immobilieneigentümer nicht übersehen, dass die Banken im Allgemeinen die Höhe der Entschädigung nicht kundenfreundlich kalkulieren. Sie versuchen vielmehr, die ihnen entgehenden zukünftigen Zinseinnahmen möglichst weitgehend durch die Vorfälligkeitsentschädigung auf einen Schlag zu kompensieren. Dadurch wird der Immobilieneigentümer zukünftig im Ergebnis doppelt benachteiligt: Zum einen finanziell durch erhebliche Zahlungen an die Bank, zum anderen steuerlich durch den Wegfall des Werbungskostenabzugs.

5. Folgen für die Praxis

Die vorstehenden Erläuterungen zeigen, wie wichtig eine sorgfältige Vertragsgestaltung für einen möglichst umfassenden Werbungskostenabzug bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung ist. Bereits im Vorfeld anstehender Veränderungen (z.B. Verkauf von Objekten, Aufgabe der Einkünfteerzielungsabsicht) sollten Immobilieneigentümer Kontakt zu einem sachkundigen steuerlichen Berater aufnehmen, um die Möglichkeiten zur Sicherung eines weitgehenden Werbungskostenabzuges zu prüfen. Ansonsten besteht die erhebliche Gefahr, dass substantielle Kosten des Steuerpflichtigen möglicherweise in Zukunft steuerlich nicht mehr abziehbar sein werden. Wir helfen Ihnen bei der Planung und Umsetzung entsprechender Projekte.

Executive Summary

Debt interest deduction plays an important role in income from rent and lease. The highest financial authorities of the Federal Government and the States issued a new decree on 27 July 2015. It should be emphasised that prepayment charges for an early redemption with the purpose of an unencumbered sale of a property can in principle not be deducted as professional expenses (contrary to the previous legal position). Exceptions can only be made if the sales revenues are subject to taxation according to section 23 Income Tax Act.

SVO / JHB – Frankfurt, den 30.09.2015

Bundesregierung legt Gesetzentwurf zur Erbschaftsteuerreform vor

1. Hintergrund

Am 17.12.2014 hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil (1 BvL 21/12) entschieden, dass das im Grundsatz auf das Erbschaftsteuerreformgesetz vom 24.12.2008 zurückgehende jetzige Erbschaft- und Schenkungsteuergesetz (ErbStG) in wichtigen Punkten verfassungswidrig ist. Wesentliche vom Bundesverfassungsgericht beanstandete Regelungen sind insbesondere diejenigen zur Abgrenzung des begünstigten vom nichtbegünstigten Vermögen und die weitreichenden Steuerbefreiungen beim Erwerb großer Betriebsvermögen. Für eine gesetzliche Neuregelung hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber eine Frist bis zum 30.06.2016 eingeräumt.

Unmittelbar nach dem Urteil hat die Bundesregierung angekündigt, möglichst zügig die notwendigen Gesetzesänderungen vornehmen zu wollen und dabei die bestehenden Strukturen nur in dem vom Bundesverfassungsgericht vorgegebenen Umfang anzupassen. Nach Vorlage eines sogenannten „Eckwertepapiers“ des Bundesfinanzministeriums im Februar 2015 ist am 01.06.2015 ein Referentenentwurf vorgestellt worden. Das Bundeskabinett hat sich danach recht schnell auf einen Regierungsentwurf geeinigt, dessen Verabschiedung am 08.07.2015 erfolgt ist. Auch wenn derzeit nicht vorhersehbar ist, wie schnell das Gesetzgebungsverfahren voranschreitet, spricht einiges dafür, dass die neuen Regelungen voraussichtlich zum 01.01.2016 in Kraft treten können.

2. Abgrenzung des begünstigten Vermögens

Gegenwärtig kann Betriebsvermögen selbst dann weitgehend steuerfrei übertragen werden, wenn sich darin sogenanntes Verwaltungsvermögen (z.B. Wertpapiere, Zahlungsmittel, Beteiligungen an Kapitalgesellschaften, die geringer als 25 % sind) mit einem Anteil von bis zu 50 % befindet. Diese Regelung hat das Bundesverfassungsgericht als unverhältnismäßig angesehen. Daher soll zukünftig nur noch das neu definierte sogenannte begünstigte Vermögen erbschaftsteuerlich verschont werden.

Dabei soll es sich um solches Vermögen handeln, das überwiegend – seinem Hauptzweck nach – einer gewerblichen, freiberuflichen oder land- und forstwirtschaftlichen Tätigkeit dient. Die Abgrenzung des begünstigten Vermögens soll sich grundsätzlich nach ertragsteuerlichen Gesichtspunkten richten. Nach Aussage des Regierungsentwurfs reicht es hierbei nicht aus, dass Wirtschaftsgüter im Einzelfall für den jeweiligen Betrieb nützlich oder notwendig sind. Entscheidend soll vielmehr sein, ob diese von ihrer Funktion her unmittelbar zur Ausübung der betrieblichen Tätigkeiten genutzt werden. Um diese abstrakte Vorgabe greifbar zu machen, enthält der Regierungsentwurf ein Fallbeispiel, das auf zwei Seiten zahlreiche Einzelheiten abhandelt. Allerdings zeigt sich bei Durchsicht dieses Beispiels, dass etwa die Frage, ob Beteiligungen in diesem Sinne unmittelbar der Ausübung der betrieblichen Tätigkeit dienen, im Einzelfall zu kontroversen Diskussionen führen kann. Insbesondere bei zukünftigen Schenkungen ist daher im Vorfeld eine genaue Inventarisierung der übergehenden Wirtschaftsgüter zu empfehlen, um eine grundsätzlich mögliche Steuerverschonung auch tatsächlich nutzen zu können.

Bei einem mehrstufigen Unternehmensaufbau soll das begünstigte Vermögen mit Hilfe einer konsolidierten Betrachtung ermittelt werden, was im Einzelfall sehr aufwendig ausfallen kann. Genaue Vorgaben, wie diese konsolidierte Betrachtung erstellt werden soll, enthält der Regierungsentwurf nicht. Insofern müssen sich Unternehmenseigner bzw. –erben auf erhebliche Zusatzkosten für die Ermittlung bereits des erbschaftsteuerlich relevanten Sachverhalts einstellen. Gegenwärtig wird jedes rechtlich selbständige Unternehmen für sich betrachtet, was das Bundesverfassungsgericht aber beanstandet hat.

3. Verschonungsregeln

Das bisherige Verfahren einer Regelverschonung von 85 % bzw. einer Optionsverschonung von 100 % der Erbschaftsteuer in Abhängigkeit von der Erfüllung von Haltefristen und dem Bestehen einer Lohnsummenprüfung greift erst bei Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern. Dies hat das Bundesverfassungsgericht verworfen, da ca. 80 % aller Unternehmen diese Schwelle nicht überschreiten und damit für sie die Lohnsummenprüfung entfällt. Ebenso hat es beanstandet, dass nach gegenwärtiger Rechtslage auch Erwerber großer Betriebsvermögen ohne detaillierte Bedürfnisprüfung in den Genuss von Steuerbefreiungen gekommen sind.

Insofern hat sich für den Gesetzgeber in diesem Punkt ein erheblicher Handlungsbedarf ergeben, der seinen Niederschlag in unübersichtlichen Detailregelungen der neugeplanten §§ 13a bis c und 28a Erbschaftsteuergesetzentwurf gefunden hat. Als wesentlicher Faktor ist zukünftig der Wert des übertragenen begünstigten Vermögens anzusehen. Liegt dieser Wert unter einer Freigrenze von 26 Mio. € (52 Mio. € bei für Familienunternehmen typischen gesellschaftsvertraglichen oder satzungsmäßigen Beschränkungen etwa im Hinblick auf Entnahmen oder Abfindungen, die über einen Zeitraum von 40 Jahren [10 Jahre vor bis 30 Jahre nach Entstehung der Steuer] gegeben sein müssen), wird danach unterschieden, ob das jeweilige Unternehmen bis zu 15 Mitarbeiter hat oder die Zahl der Mitarbeiter darüber liegt. Unternehmen mit mehr als 15 Mitarbeitern unterliegen einer Regelverschonung (85 % Abschlag), die an eine Haltefrist von 5 Jahren und eine Lohnsumme von 400 %, die innerhalb von 5 Jahren erreicht werden muss, anknüpfen. Bei der Optionsverschonung (100 % Abschlag) beträgt die Haltefrist 7 Jahre und die Lohnsumme 700 %.

Komplizierte Unterscheidungen gelten für kleinere Unternehmen, wo nur die Gruppe mit bis zu 3 Mitarbeitern keiner Lohnsummenprüfung unterliegt. Für diese Unternehmen sind nur die Haltefristen für die Regelverschonung (5 Jahre) bzw. die Optionsverschonung (7 Jahre) zu beachten. Höhere Anforderungen gelten für Unternehmen mit 4 bis 10 Mitarbeitern (Regelverschonung: 5 Jahre Haltefrist, 250 % Lohnsumme; Optionsverschonung; 7 Jahre Haltefrist, 500 % Lohnsumme), weitere Verschärfungen für die Gruppe mit 11 bis 15 Mitarbeitern (Regelverschonung; 5 Jahre Haltefrist, 300 % Lohnsumme; Optionsverschonung; 7 Jahre Haltefrist, 565 % Lohnsumme).

Noch komplexer sind die Regelungen für den Fall einer Vermögensübertragung von mehr als 26 / 52 Mio. € auf den einzelnen Erben bzw. Beschenkten.

Neben den eben beschriebenen Differenzierungen bezüglich Haltefrist und Lohnsumme besteht dann das Wahlrecht, eine individuelle Verschonungsbedarfsprüfung vorzunehmen oder sich für das Verschonungsabschlagsmodell (Regel- bzw. Optionsverschonung) zu entscheiden. Bei der Bedarfsprüfung muss der Erwerber nachweisen, dass er persönlich nicht in der Lage ist, die Steuerschuld aus der Summe von 50 % seines bereits vorhandenen sowie 50 % des übergegangenen nichtbegünstigen Vermögens zu begleichen. Ist dies der Fall, kommt es zum Erlass der Steuer. Beim Abschlagsmodell reduziert sich der Verschonungsabschlag schrittweise von 85 % auf 20 % (ab Erwerben, die über 116 bzw. 142 Mio. € liegen). Im Fall der Optionsverschonung gehen die Werte von 100 % auf 35 % zurück. Hierbei gelten die gleichen Wertgrenzen von 116 bzw. 142 Mio. €. Damit soll die Vorgabe des Bundesverfassungsgerichts umgesetzte werden, dass zukünftig keine Betriebe mit Unternehmenswerten von mehreren Hundert Mio. € aufwärts steuerfrei übertragen werden können.

4. Schlussfolgerungen

Auch wenn der Regierungsentwurf im Gesetzgebungsverfahren sicher noch Veränderungen erleben wird, liegt der Schluss nahe, dass bei zukünftigen Erbfällen bzw. Schenkungen mit einer deutlichen Verschärfung des steuerlichen Zugriffes in Prüfung und Veranlagung gerechnet werden muss. Wer Übertragungen im unternehmerischen Bereich vor Augen hat, sollte die Gelegenheit nutzen, noch unter der Geltung des gegenwärtigen Erbschaftsteuergesetzes zu handeln und in den nächsten Monaten vor dem Jahreswechsel etwa eine entsprechende Schenkung zu vollziehen. Das gilt insbesondere für Familienunternehmen, die nach dem Regierungsentwurf eine 40jährige „steuerliche Änderungssperre“ in ihrem Gesellschaftsvertrag aufweisen (und diese auch leben) müssen, um künftig von den verschärften Verschonungsregeln Gebrauch machen zu können.

Die neuen Regeln sollen für alle Fälle greifen, in denen der Erwerbszeitpunkt nach der Gesetzesverabschiedung liegt, möglicherweise also ab 01.01.2016. Damit sieht der Regierungsentwurf keine Rückwirkung vor, die das Bundesverfassungsgerichtsurteil grundsätzlich ermöglicht hätte. Aber es ist schon jetzt erkennbar, dass die komplexen Wahlrechte und schwierigen Detailabgrenzungen erhebliche Steuerbelastungsrisiken in sich tragen, die bei zeitnahem Handeln vermieden werden können.

Wir beraten Sie gerne bei der Gestaltung entsprechender Vorhaben.

Executive Summary

After the Federal Constitutional Court stated on 17 December 2014 that vital parts of the Inheritance Tax Act were unconstitutional, a draft law has been with the Federal Government since 8 July 2015, which is intended to dispose of the complaints. Thus, the provisions of the delimitation of the beneficiary’s assets will be tighten up considerably because, in the future, evidence will have to be provided for the fact that each asset of a company is, with regard to its function, used for the direct exercise of operational activities. In addition, the provisions concerning the fiscal exemption of the business property will be tightened up in a way that, in the future, companies with more than three employees will be subject to a complicated total wage bill evaluation (companies with less than 20 employees have been exempt so far). It is already perceptible that complicated options and delimitations will require professional advice.

SVO / JHB – Frankfurt, den 15.09.2015

Umsatzsteuer auf Bauleistungen – Alle Unklarheiten beseitigt?

1. Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers

Die zur Sicherung des Umsatzsteueraufkommens durch § 13 b UStG ab 01.01.2002 eingeführte Verlagerung der Steuerschuldnerschaft vom leistenden Unternehmer auf den Leistungsempfänger (sog. Reverse-Charge-Verfahren) ist in den vergangenen Jahren in großem Umfang erweitert worden. Im Grundsatz schreibt § 13 b UStG vor, dass entgegen der üblichen umsatzsteuerlichen Abwicklung (der Leistende stellt dem Leistungsempfänger einen Nettobetrag zuzüglich Umsatzsteuer in Rechnung und überweist anschließend die Umsatzsteuer an die Finanzbehörde, während der Leistungsempfänger die ihm gegenüber abgerechnete Umsatzsteuer als Vorsteuer abziehen darf) alleine der Leistungsempfänger für die Begleichung der Umsatzsteuerschuld und des Vorsteuerabzuges verantwortlich ist.

Insbesondere im Bereich der Immobilien- und Bauwirtschaft stellen sich hierbei häufig komplizierte Detailfragen, die die Rechtsprechung und die Finanzverwaltung immer wieder aufs Neue herausfordern. Das zeigt sich auch an einem neueren BFH-Urteil vom August 2014 und der nunmehr erfolgten Reaktion der Finanzverwaltung auf dieses Urteil.

2. BFH-Urteil V R 7/14 vom 28.08.2014 (Der Betrieb 2014, Seite 2632)

Mit diesem Urteil ist ein Fall entschieden worden, in dem eine im Anlagenbau tätige KG eine aus 18 Einzelbauteilen bestehende Entrauchungsanlage für industrielle Großfeuerungsanlagen entwickelte und diese mit Hilfe von zwei Fremdunternehmen in die Produktionshallen eines Kunden eingebaut hatte. Die Fremdunternehmen haben danach gegenüber der KG mit gesondertem Ausweis der Umsatzsteuer abgerechnet. Die KG hat hieraus den Vorsteuerabzug in Anspruch genommen. Nach einer Umsatzsteuersonderprüfung hat das Finanzamt die Auffassung vertreten, dass die KG im Hinblick auf die Leistungen der Fremdunternehmen als Steuerschuldner nach § 13 b Abs. 1 Nr. 4 Satz 1 UStG (in der Fassung von 2009) anzusehen sei, weil es sich hierbei um Bauleistungen handele und hat die entsprechenden Umsatzsteuerfestsetzungen geändert. Hiergegen hat die KG Klage vor dem FG erhoben, der stattgegeben worden ist. Die daraufhin eingelegte Revision des Finanzamtes hat der BFH verworfen.

Für den BFH stellt der Einbau der Entrauchungsanlage keine Werklieferung oder sonstige Leistung dar, die der Herstellung, Instandsetzung, Instandhaltung, Änderung oder Beseitigung eines Bauwerks dient. Das hat zur Folge, dass das Reverse-Charge-Verfahren hierbei nicht zur Anwendung kommt. Unter Heranziehung der unionsrechtlichen Auslegung des Begriffs „Bauwerk“ kommt der BFH zum Ergebnis, dass die Entrauchungsanlage eine sog. „Betriebsvorrichtung“ und kein Bauwerk handelt. Das wird damit begründet, dass die Anlage gegenüber dem Bauwerk einem eigenen Zweck dient. Sie hat keine Funktion für das Bauwerk und sie ist lediglich im Bauwerk untergebracht. Das von der Finanzverwaltung vorgebrachten Argument, der Bauwerksbegriff sei entsprechend der zur Durchführung des Sozialgesetzbuchs III erlassenen Baubetriebsverordnung auch bei der Auslegung von § 13 b UStG heranzuziehen, lehnt der BFH ausdrücklich ab.

3. BMF-Schreiben vom 28.07.2015 – III C 3 – S 7279/14/10003 (Der Betrieb 2015, Seite 1811)

Nach Besprechungen der obersten Finanzbehörden des Bundes und der Länder haben sich diese entschieden, einen Nichtanwendungserlass zum o.g. BFH-Urteil vom 28.08.2014 herauszugeben. Damit soll dieses Urteil über den damit entschiedenen Einzelfall hinaus nicht angewendet werden.

Das BMF-Schreiben stellt fest, dass die Aussage des BFH, wonach Betriebsvorrichtungen nicht zu den Bauwerken im Sinne von § 13 b Abs. 2 Nr. 4 Satz 1 UStG gehören, unzutreffend sei. Unter Rückgriff auf unionsrechtliche Vorschriften (insbesondere Artikel 199 Abs. 1 Buchstabe A Mehrwertsteuersystemrichtlinie, Artikel 13 b Mehrwertsteuerverordnung) kommt das BMF-Schreiben zu dem Schluss, dass Betriebsvorrichtungen nur dann nicht als Bauwerk anzusehen sind (und damit das Reverse-Charge-Verfahren nicht anwendbar wäre), wenn sie nicht auf Dauer installiert sind oder bewegt werden können, ohne dass das Gebäude oder das Bauwerk zerstört oder verändert wird. Ferner weist das BMF-Schreiben darauf hin, dass die Anwendung des BFH-Urteils in der Praxis erhebliche Probleme mit sich bringen würde, da der leistende Unternehmer häufig nicht erkennen könne, ob die von ihm eingebaute Anlage eigenen Zwecken diene oder ob sie für die Konstruktion, den Bestand, die Erhaltung oder Benutzbarkeit des Bauwerks von wesentlicher Bedeutung sei. Das BMF-Schreiben will also im Ergebnis eine möglichst umfassende Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens sicherstellen.

4. Folgen für die Praxis

Auch wenn die Begründung des BMF-Schreibens nicht durchgehend überzeugt (so ist die dort zitierte Mehrwertsteuerverordnung erst ab 01.01.2017 anzuwenden), muss die Praxis sich auf die Sichtweise der Finanzverwaltung einstellen. Das bedeutet, dass nicht erst bei der Abrechnung entsprechender Bauvorhaben die Frage nach der Anwendung des Reverse-Charge-Verfahrens im Sinne von § 13 b Abs. 2 Nr. 4 Satz 1 UStG zu beantworten ist, sondern bereits beim Vertragsschluss zwischen Leistendem und Leistungsempfänger besprochen werden muss. In Zweifelsfällen kann es sich empfehlen, neben qualifizierter rechtlicher bzw. steuerlicher Beratung auch den Kontakt zur zuständigen Finanzbehörde aufzunehmen, um von vornherein eine umsatzsteuerliche Behandlung entsprechender Geschäftsvorfälle zu erreichen, die nachfolgend von der Finanzverwaltung anerkannt wird. So lassen sich insbesondere Haftungsrisiken für Leistungsempfänger, die nachträglich zum Steuerschuldner werden, frühzeitig vermeiden. Wir unterstützten Sie gerne bei der Lösung derartiger Problemstellungen.

SVO / JHB – Frankfurt, den 14.09.2015